Kategorie, Prototyp, Stereotyp.
Flauberts Dictionnaire des idées reçues aus linguistischer
Sicht
clac 2/2000
Uta
Helfrich
Katholische
Universität Eichstätt
uhelfri@uni-goettingen.de [Dez. 2000]
Das ausgehende 19.
Jh. ist im kollektiven Bewußtsein verankert als “siècle des dictionnaires”[1],
verbunden u.a. mit Namen wie Emile Littré[2] und
Pierre Larousse[3].
Flauberts Dictionnaire des idées reçues, was zu deutsch etwa mit Wörterbuch
der Gemeinplätze oder der gängigen Meinungen übersetzt werden kann,
ist allerdings kein inventarisierendes Wörterbuch im gemeinsprachlichen Sinn,
sondern eine Art glossaire d’auteur.[4] Es
wurde 1881 aus dem Nachlaß publiziert[5] und
war als zweiter Teil[6]
seines unvollendeten Romans Bouvard et Pécuchet konzipiert, den Flaubert
mit dem Untertitel “encyclopédie de la bêtise humaine”[7]
versehen hat.
Die Protagonisten
des Romans, zwei Büroschreiber namens Bouvard und Pécuchet, ziehen sich, durch
Bouvards plötzliche Erbschaft mit den nötigen finanziellen Mitteln versehen,
mit knapp 50 Jahren als Privatiers aus Paris ins Calvados zurück. Voller
Experimentierfreude und Wißbegierde entdecken sie autodidaktisch - teils
empirisch, teils theoretisch - die verschiedensten Wissensgebiete:
Landwirtschaft und Gartenbau, Chemie und Medizin, Astronomie, Geologie,
Archäologie, Historiographie, Literatur, Politik, Gymnastik, Magie,
Philosophie, Mystik und Pädagogik. Ihr Vorgehen ist gekennzeichnet durch das trial-and-error-Prinzip.
Bei ihrer Umwelt stoßen sie damit teils auf Bewunderung, teils auf
Unverständnis. Desillusioniert angesichts der Widersprüche im main stream
des Denkens und der Nicht-Überwindbarkeit der idées reçues geben sie ihr
Vorhaben der Durchdringung der Welt auf und kehren gewissermaßen zu ihren
Wurzeln als Kopisten zurück, wie aus Flauberts Notizen am Ende des letzten
fragmentarischen Kapitels von Bouvard et Pécuchet hervorgeht:
Ainsi
tout leur a craqué dans les mains.
Ils
n’ont plus aucun intérêt dans la vie.
Bonne
idée nourrie en secret par chacun d’eux. Ils se la dissimulent - De temps à
autre, ils sourient, quand elle leur vient; - puis se la communiquent
simultanément: copier. (Flaubert, Bouvard et Pécuchet, p. 414)[8]
Ergebnis dieses
Entschlusses - copier - ist das Dictionnaire des idées reçues.
Die Klischees, die Bouvard und Pécuchet darin in positivistischer Manier
zusammentragen[9],
sind sprachlicher Ausdruck des kulturellen Wissens und der Einstellungen der
bürgerlichen Gesellschaft des 19.Jh.[10]
sowie der Flaubertschen Kritik daran als kritischer Abgesang. Über das Ziel des
projektierten Dictionnaire hat sich Flaubert in einem Brief an Louise
Colet von 1852 wie folgt geäußert[11]:
Ce
serait la glorification historique de tout ce qu’on approuve. J’y démontrerais
que les majorités ont toujours raison, les minorités toujours tort.
J’immolerais les grands hommes à tous les imbéciles, les martyrs à tous les
bourreaux. [...] Cette apologie de la canaillerie humaine sur toutes ses faces,
ironique et hurlante d’un bout à l’autre, pleine de citations, de preuves (qui
prouveraient le contraire) et de textes effrayants (ce serait facile), est dans
le but, dirais-je, d’en finir une fois pour toutes avec les eccentricités,
quelles qu’elles soient.
Während der Fokus
der literaturwissenschaftlichen Forschung auf den Personen als Verkörperung
von Klischee und Dummheit im Werk Flauberts liegt und den Bezug zwischen den im
Dictionnaire aufgeführten Gemeinplätzen und Bouvard et Pécuchet
bzw. dem Gesamtwerk sucht, so z.B. zuletzt in einer Monographie von Frank
Leinen (1990), wurde der “Anhang”, das Dictionnaire des idées reçues,
für sich bisher kaum behandelt[12],
auch nicht von der sprachwissenschaftlichen Forschung. Daß es sich aber -
schon aufgrund des Titels - für eine sprachwissenschaftliche Analyse anbietet,
zeigt der Hinweis in Elisabeth Gülichs Bielefelder Antrittsvorlesung von 1978,
“Was sein muß, muß sein.” Überlegungen zum Gemeinplatz und seiner Verwendung.
Und auch Christoph Schwarze (1982) verweist en passant auf zwei Einträge
(Blondes und Brunes) des Flaubertschen Dictionnaire als
Beispiel für Widersprüche innerhalb von Stereotypen. Die offensichtliche
Eignung des Dictionnaire des idées reçues für eine linguistische
Untersuchung über Stereotypen trifft folglich auf ein Desiderat.
Das Thema
“Stereotyp” selbst ist zudem weitgehend aus dem Blickfeld der der
linguistischen Betrachtung gerückt. So versammelt zwar das neueste Heft der
Zeitschrift Langue française vom Herbst 1999 7 Beiträge zur Sémantique
du stéréotype aus unterschiedlichen Perspektiven[13],
jedoch nehmen neuere Ansätze der kognitiven Semantik darin nur einen geringen
Raum ein. Gerade die neueren Ansätze - ich denke hier insbesondere an die
kognitive Semantik und die Prototypensemantik - könnten aber vielleicht neue
Möglichkeiten für eine adäquate linguistische Beschreibung von Stereotypen
eröffnen.
Ziel des folgenden
Beitrags ist es daher, das Flaubertsche Dictionnaire des idées reçues
einer sprachwissenschaftlichen Betrachtung hinsichtlich des Themas “Stereotyp”
zu unterziehen. Das Dictionnaire wird dabei als Korpus für die
Behandlung der folgenden Fragen dienen:
Wie sind die darin gesammelten Klischees / Gemeinplätze /
Stereotypen linguistisch beschreibbar?
Wie konstituiert sich der Stereotyp in bezug auf die
Wortbedeutung als Ganzes?
Bedeutung
als konzeptuelle Kategorie
Zunächst ist der
etwas vage Terminus Bedeutung zu definieren und zu präzisieren: Sprache
stellt für den Menschen eine Möglichkeit dar, Erfahrungen mit seiner Umwelt und
seinem Umfeld zu ordnen und zu kategorisieren.[14] Wie
die Psychologin Eleanor Rosch (1973, 1977) durch Tests empirisch nachgewiesen
hat[15],
basiert Wahrnehmung auf Typisierung als Prinzip mentaler Verarbeitung. Die
Zuordnung von Bedeutung erfolgt über Klassifizierung und Kategorienbildung.
Die Vorstellung, unser Konzept von Realität, ist zunächst eine
gedankliche Einheit; sie wird erst durch Kategorisierung strukturiert und zur
konzeptuellen Kategorie. Damit befinden wir uns noch auf der mentalen, außerspachlichen
Ebene von Bedeutung. Über die Sprache werden die konzeptuellen Kategorien dann
in sprachliche Kategorien bzw. Zeichen (lexikalischer oder grammatischer Natur)
überführt.[16]
Jedes Konzept steht
mit anderen Elementen der Welterfahrung in Beziehung. Um diese Relationen zu
fassen, wurde der sog. “Prototypenansatz” aus der kognitiven Psychologie von
der linguistischen Semantik aufgegriffen.[17] Der Prototyp
als kognitives Konzept ist eine vorsprachliche Größe und muß nicht
notwendigerweise in einem lexikalisierten Ausdruck versprachlicht sein. Der
Prototyp stellt vielmehr, im Sinne von Lakoff (1987), ein idealisiertes
kognitives Modell dar. Um diesen idealen oder besten Vertreter einer Kategorie
herum ordnen sich die übrigen Mitglieder der Kategorie graduell an. Konstitutiv
für eine Kategorie ist also die Ähnlichkeitsbeziehung[18],
die Similarität, die Mitglieder einer Kategorie, als “mehr oder weniger”
repräsentative Vertreter ausweist.[19]
Prototyp
- Stereotyp
Mit dem Konzept des
Protoyps befinden wir uns bereits mitten in einem terminologischen Problem,
denn anstelle der Bezeichnung Prototyp für die Kernbedeutung wird seit
Putnam (1975, 1978) auch häufig der Begriff Stereotyp benutzt.[20]
Auch in jüngeren Publikationen wird an dieser Synonymie festgehalten, so etwa
bei Viehweger (1990) oder Kleiber (1993). Wenn man sich Kleibers Beispielsätze
Nous entrâmes dans un village. L’église
était située sur une hauteur.
vs. ?Nous entrâmes dans un village. Le
grand magasin était situé sur une hauteur.
ansieht, so stellt
man fest, daß grand magasin im Gegensatz zu église kein
prototypisches Element des Konzepts village
darstellt. Es handelt sich folglich bei Kleibers “anaphore associative” um
Prototypeneffekte, die auf Konzeptebene[21], als
Mitglied desselben Kontiguitätsfelds oder derselben Isotopieebene, dazu
beitragen, die Textkohärenz zu sichern. Insofern halte ich die Verwendung des
Terminus Stereotyp hier für irreführend.[22]
Der
Vermittlungsvorschlag von Schwarze (1982:3), zur Vereinheitlichung der Terminologie
von Rosch und Putnam den Prototypen als typischen Referenten und den Stereotypen
als “Menge der Eigenschaften[23], die
einen Prototypen definieren” zu fassen, ist m.E. ebenfalls nicht überzeugend,
da er nicht dazu beiträgt, die Begriffe Prototyp und Stereotyp systematisch
voneinander abzugrenzen.
Der Teminus Stereotyp[24]
ist schließlich als psychologisch-soziologisches Konzept entsprechend
vorgeprägt[25],
so daß dies für eine linguistische Beschreibung des Stereotyps unbedingt zu
berücksichtigen ist.[26] An
der sozialwissenschaftlichen Konzeption orientiert sich die grundlegende
Studie von Uta Quasthoff (1973), Soziales Vorurteil und Kommunikation. Eine
sprachwissenschaftliche Analyse des Stereotyps. Sie begreift den Stereotyp
als
verbale[n]
Ausdruck einer auf soziale Gruppen oder einzelne Personen gerichteten
Überzeugung. Es hat die logische Form eines Urteils, das in ungerechtfertigt
vereinfachender und generalisierender Weise, mit emotional-wertender Tendenz,
einer Klasse von Personen bestimte Eigenschaften oder Verhaltensweisen zu- oder
abspricht. Linguistisch ist es als Satz beschreibbar. (Quasthoff 1973:28)
Die Gleichsetzung
des Stereotyps mit dem sprachlichen Ausdruck ist Schaff (1979:315f.) zu
unpräzise. Es geht ihm zufolge vielmehr “um ein Verursachungsverhältnis; das
Wort als Input veranlaßt, daß im Bewußtsein eines Subjekts stereotype Inhalte
lebendig werden” (Schaff 1979:317), die dann in Form von Sätzen geäußert
werden.[27]
In der Kritik von Schaff artikuliert sich freilich ein grundsätzliches Problem,
das aus der Öffnung des Fokus auf die wünschenswerte sozialwissenschafltiche
Perspektive resultiert: Zu den bereits genannten Termini phrases
stéréotypées, poncif, cliché, lieu commun, idées reçue treten weitere
hinzu, wie z.B image, représentation, concept, idée, préjugé,
croyance, attitude, jugement. Damit entsteht eine neue terminologische
Vielfalt, die scheinbar nicht zwischen Sprache, Vorstellung, Einstellung und
Handeln differenziert. Jedoch betont Schaff an anderer Stelle (1980), daß sich diese
Größen doch gegenseitig bedingen.[28]
Entsprechend
unterscheidet Gülich (1978) zwischen Denkstereotypen und Sprachstereotypen. Als
Sprachstereotypen versteht sie expressions bzw. locutions toutes
faites, d.h. vorgeformte stereotype Sätze wie das Sprichwort Wer A sagt
muß auch B sagen oder der Gemeinplatz Letzten Endes ist alles halb so
schlimm. Vorgeformtheit[29] ist
also laut Gülich typisch für Sprachstereotype[30]. Sie
äußert sich darin, daß Sprachstereotype häufig in Form von Aussagesätzen und
Allsätzen realisiert werden. Ihre Funktion[31]
besteht in der Reduktion von Komplexität.
Wie bei Gülich, so
steht auch bei Kleiber (1994,1999) der Stereotyp in seiner Versprachlichung als
Sprichwort (proverbe), Gemeinplatz (lieu commun) oder locution
figée im Vordergrund, und er hebt ebenfalls auf dessen Vorgeformtheit ab.
Kleiber setzt den Stereotyp jedoch mit den Nomina gleich, indem er ihn als
“dénomination d’un type très très spécial”, als “signe-phrase” mit generischer
fester Bedeutung begreift, die eine kollektive Wertung beinhaltet. An dieser
Subsumierung unter die Nomina setzt Michaux’ (1999) Kritik an, denn die
Referentialität von Nomina ist für sie etwas anderes als die Bedeutung von
Sprichwörtern. Auch Dominicy (1999), der die Stereotypen als “croyances réflexives
implantées” beschreibt, betont, daß deren Versprachlichungsformen, wie z.B als
Sprichwörter, die Wortebene nicht nur in formaler, sondern auch in kognitiver
Hinsicht überschreiten. Schon Amossy hatte in ihrem Buch Les idées reçues.
Sémiologie du stéréotype (1991) dafür plädiert, den Stereotyp weder aus
referentieller noch aus präsuppositioneller Sicht zu betrachten, sondern sich
ihm von der Ebene der “croyances préfabriquées” her zu nähern.
Im Sinne einer
Arbeitsdefinition können damit, basierend auf den besprochenen Definitionen und
deren Kritik, folgende Kriterien des Stereotyps festgehalten werden: kollektive
Assoziation, Generalisierung, Reduktion, Kontrast, Wertung bzw. Urteil. Diese
Kriterien, die sowohl formaler als auch inhaltlicher Natur sind, weisen
zwangsläufig über die Wortebene hinaus.
Dieses Profil des
Stereotyps soll im folgenden vermittels einer Analyse prototypischer Beispiele
aus dem Flaubertschen Dictionnaire des idées reçues einer Überprüfung
unterzogen werden.
Das
Profil des Stereotyps am Beispiel des Flaubertschen Dictionnaire des idées
reçues
Auf den ersten Blick
wirkt das Dictionnaire des idées reçues wie ein Wörterbuch: es erscheint
als ein alphabetisch von A-Y geordnetes Verzeichnis, das insgesamt um die 1000 Einträge,
bis auf wenige Ausnahmen fast ausschließlich nominale Lemmata[32],
umfaßt. Diese Nomina werden aber nicht wie im klassischen Definitionswörterbuch
möglichst exhaustiv hinsichtlich ihrer prototypischen Bedeutung und in ihren
Randbedeutungen enzyklopädisch erläutert, sondern das jeweilige Lemma wird als
Aufhänger für Meinungen benutzt, wie am Eintrag Dictionnaire deutlich
wird:
Dictionnaire En
rire - n’est fait que pour les ignorants.[33]
Erwartbar und daher
auch im Dictionnaire entsprechend häufig sind Klischees über Berufsgruppen[34],
Nationalitäten und Ethnika[35],
Ideologien[36].
Aber auch Gegenstände und Sachverhalte des alltäglichen Lebens, sowie Personen[37]
sind Bestandteil der “kritischen Enzyklopädie”.
Stereotypisierung
findet sich im Dictionnaire in unterschiedlichen Formen und Verfahren.
Es werden kulturelle Konnotationen evoziert - sog. Denkstereotypen nach Gülich
- , die häufig auch explizit in generalisierenden Sätzen oder Teilsätzen, in
Form von Allsätzen, als Zitate gekennzeichnete Sätze, als iterative Syntagmen
und Ausdrücke versprachlicht sind und damit als Sprachstereotype, als
automatisierte Alltagsfloskeln im Sinne von Gülich entlarvt werden. Dies möchte
ich an einigen Beispielen demonstrieren.
Typisch sind z.B.
die folgenden Einträge für Berufsgruppen, bei denen die Generalisierung in Form
von axiomatischen Allsätzen (tous, toujours) versprachlicht ist:
Architectes Tous
imbéciles. Oublient toujours l’escalier de la maison.
Professeur Toujours
savant.
Als Lemma fungiert
neben der im klassischen Definitionswörterbuch üblichen generischen
Singularform, die den Professeur als Kategorie ausweist, auch die
generalisierende Pluralform, die die ganze Berufsgruppe umfaßt.
Einen beliebten
Mechanismus für die generalisierende Versprachlichung von Stereotypen stellt
das fingierte Zitat dar, das das Autoritätenzitat im klassischen
Definitionswörterbuch zu imitieren scheint, aber eher wie eine Art
Konversationsausschnitt wirkt.[38] Als
Beispiel hierfür der Eintrag für Français, der verschiedene im Dictionnaire
praktizierte “Zitierweisen” vereinigt:
Français «Il
n’y a qu’un Français de plus» (le duc d’Artois). «Ah! qu’on est fier d’être
français. Quand on regarde la colonne!» Le premier peuple de l’univers.
So ist das Zitat
nicht immer durch «» als solches gekennzeichnet und auch sein Urheber - hier “le duc d’Artois” - ist nur selten
angegeben, denn Flaubert geht es schließlich nicht um Einzelmeinungen, sondern
um Gemeinplätze, die von der großen Masse geteilt werden. Das Pronomen on
ist in dieser Hinsicht bezeichnend, da es die Anonymität der öffentlichen
Meinung verprachlicht.[39]
Die Zuschreibung
solcher Äußerungen zu einer bestimmten Gruppe oder Person, die der Leser also
zumeist selbst vornehmen muß, ist nicht immer so eindeutig wie beim Beispiel Kutschen:
Voitures Plus
commode d’en louer que d’en posséder,
bei dem man den
Hausherrn förmlich zu seufzen hören vermeint: “de cette manière on n’a pas le
tracas des domestiques ni des chevaux qui sont toujours malades.” In der Regel
muß sich der Leser angesichts der Vielstimmigkeit selbst orientieren, wie
beispielsweise beim Eintrag für den Ortsnamen Paris, der aus einer
polyphonen Reihung anonymer Zitate besteht:
Paris La grande prostituée. La
Capitale. Paradis des femmes, enfer des chevaux. Idées politiques sur. Moyen
de la mater. Ce qu’en pense la Province (et vice-versa).
Ein weiteres
Beispiel in diesem Zusammenhang ist der Eintrag Allemands:
Allemands Ce n’est pas étonnant
qu’ils nous aient battus, nous n’étions pas prêts! Peuple de rêveurs (vieux).
Er zeigt darüber
hinaus, daß Stereotypen zwar stabil sind, aber nicht notwendigerweise bis in
alle Ewigkeit festgeschrieben sind: Hier hat offenbar die Kriegswirklichkeit
1870/71 den früheren, aus der Romantik stammenden Topos “peuple de rêveurs”[40]
abgelöst.
Der Eintrag Basque
Basque Peuple
qui court le mieux.
ist ein Beispiel
dafür, wie Stereotypen - und mit ihnen der Leser - mittels subtiler
Sprachspiele ad absurdum geführt werden. In diesem Beispiel basiert das
Sprachspiel auf einer Similaritätsrelation, nämlich der Homophonie von basque
in der Bedeutung von ‘Rockschoß’ mit der Redewendung courir aux basques
‘jdn. auf den Fersen sein’ und basque als Ethnonym.
Als Zwischenergebnis
läßt sich festhalten, daß die bisher betrachteten Einträge nach den Prinzipien
der Similarität und der Kontiguität zwischen Lemma und “Pseudo-Definition”
funktionieren bei gleichzeitiger Reduktion auf enzyklopädisches Teilwissen bzw.
Pseudowissen.
Der Aspekt der
Reduktion tritt besonders deutlich bei Personenklischees zutage. Personen,
seien es real existierende seien es literarische, werden respektlos oft sogar
nur auf eine einzige Konnotation reduziert und damit banalisiert, so z.B.:
Châteaubriand Connu surtout
par le beefsteak qui porte son nom.
Diderot Toujours
suivi de «d’Alembert».[41]
Descartes Cogito,
ergo sum!
Figaro Fils
de Beaumarchais et l’un des promoteurs de la Révolution.
Die
“Pseudo-Definitionen” oder Erläuterungen beruhen auf kollektiv abrufbaren
Assoziationen, die teilweise bis in die heutige Zeit in dieser Form tradiert
werden. Deren Versprachlichung in Allsätzen zeigt, daß Gülichs Trennung
zwischen Denk- und Sprachstereotyp nicht durchgängig aufrechtzuerhalten ist.
Natürlich gibt es im
Dictionnaire auch eine ganze Reihe von Einträgen, die als reine Sprachstereotypen
zu bezeichnen wären: Bei ihnen wird statt einer Konnotation, ebenfalls nach den
Prinzipien der Similarität und der Kontiguität, die prototypische
Wortverwendung[42]
aufgeführt, um den Wortstereotyp in seiner Schematizität zu transportieren.
Darunter fallen auf expliziten Vergleichen basierende Redewendungen, wie z.B. Fort
und Hérode:
Fort «Comme
un Turc.» «Comme un bœuf.» «Comme un cheval.» «Comme un
Hercule.» Cet homme doit être fort, il est tout nerfs.
Hérode Être
vieux comme Hérode.
Dieses Verfahren ist
allerdings seltener als prototypische Kollokationen aus Substantiv +
prototypischem Verb, etwa bei Galop:
Galop S’emploie
toujours avec le verbe «flanquer». «Flanquer un galop.»
oder der Kollokation
Substantiv + prototypisches Adjektiv:
Assassin Toujours
«lâche»,
Critique Toujours
«éminent».
Bataille Toujours
«sanglante».
Félicitations Sont toujours
«sincères» - «empressées» - «cordiales».
Das heißt nicht, daß
hier der Prototyp identisch mit dem Stereotyp wäre, denn die Kollokation, die
ihre Wertung über die Versprachlichung durch karikierende Allsätze erhält,
repräsentiert nicht die Kernbedeutung des Lemmas.
Der Imperativ versprachlicht
Empfehlungen oder Verhaltensregeln für den Alltag, wie im schon erwähnten
Beispiel Kutschen (Voitures) oder bei Chaleur:
Chaleur Toujours
«insupportable». «On ne respire pas!» Il ne faut pas boire quand il fait
chaud.
Ebenso sind
Ratschläge für den Umgang mit Ideologien und den sie repräsentierenden Lexemen
versprachlicht:
Girondin Plus à
plaindre qu’à blâmer.
Matérialisme Prononcer ce
mot avec horreur en appuyant sur chaque syllabe.
Win weiteres Beispiel
hierfür wäre auch das eingangs genannte Dictionnaire mit dem imperativischen
Ratschlag “en rire”.
In Regelform werden,
teilweise unter Angabe der diaphasischen Kontexte, Bezeichnungsalternativen
angeboten mit der imperativischen Formel dire X, wie z.B.:
Critique Quand il
vous déplaît, l’appeler un Aristarque, ou eunuque.
Naples Si
vous causez des savants, dites: Parthénope
Ventre Dire
«abdomen» quand il y a des dames.
Copulation-coït Mots à éviter. Dire:
«ils avaient des rapports...»
Accouchement Mot à éviter; remplacer
par «événement»: «Pour quelle époque attendez-vous l’événement?»
Diese
Sprachverwendungsregeln erinnern u.a. an Diskussionen um die Obszönität sog. mots
sales bzw. bas wie poitrine im Zuge der Normierung im 17.
Jh., und Flaubert macht sich damit über die tabuisierende Wortverwendung
bestimmter Kreise seiner Zeit lustig.
Diesbezüglich
bezeichnend sind auch die Einträge, die weder pseudo-definiert noch kommentiert
werden sondern statt dessen mit einem lapidaren “On ne sait pas ce que c’est”
versehen sind, so z.B. die Einträge Clair-obscur, Contralto,
Droit (jus), Génovéfain, Pragmatique sanction, Jujube.
Gelegentlich, wie im Falle von Dix (conseil des) und Jansénisme,
wird die Leerstelle noch um die Bemerkung “mais c’était formidable” bzw.
“mais très chic d’en parler” ergänzt, so daß kein Zweifel bleibt, was
von den Sprachverwendern und deren Pseudowissen zu halten ist. Ein ähnlicher
Eintrag, der deren Ignoranz bei gleichzeitiger, unbegründet klar negativer
Einstellung karikiert, liegt vor mit Malthus:
Malthus L’infâme!
On ne connaît même pas le titre de son livre.
In dieser Weise wird
bei vielen Einträgen die Kontrastwirkung durch kommentarlose Juxtaposition
genutzt, um Widersprüche explizit aufzuzeigen und die Karikatur noch
plastischer zu machen. So kontrastiert beispielsweise der Eintrag Dentiste
Fremdimage und Selbstimage der Berufsgruppe: Die anonyme öffentliche Meinung,
das Fremdimage, wird durch den generalisierenden Allsatz “Les dentistes sont tous
menteurs”, gefolgt vom Axiom “Se servent du baume d’acier” und der etwas vagen
Phrase aus indefinit-neutralem Pronomen on in Verbindung mit dem Verb croire
“on les croit aussi pédicures” repräsentiert. Dieses Fremdimage der
‘Hühneraugenoperateure’ steht in Opposition zum Selbstimage in Form einer
Selbstbezeichnung “se disent «chirurgiens»“, das im zweiten Teil des
Satzes außerdem durch den Vergleich der Selbstbezeichnung einer anderen Gruppe
- die der Optiker, die sich als Ingenieure bezeichnen - konterkariert wird. Ein
weiteres Beispiel für die kommentarlose Juxtaposition ist
Désert Image
de l’infini.
Diese
romantisch-schwärmerische “Pseudo-Definition” wird noch im gleichen Satz mit
dem Gegenteil “où on ne peut pas vivre” ironisiert und mit weiteren Klischees ergänzt
- “Produit les dattes” und “Le chameau en est le vaisseau” - , die wohl auf das
Teilwissen der Zeitgenossen anspielen. Oder, nach dem gleichen Muster, der
Eintrag Diplôme:
Diplôme Signe de
science.
das um sein
provokativ-wertendes Gegenteil “Ne prouve rien” ergänzt wird.
Ein weiteres Prinzip
der Stereotypisierung wird erkennbar in der Zusammenschau der neben Paris
verzeichneten 3 Ortsnamen Naples, Séville und Yvetot[43]:
Naples «Voir
Naples et mourir!» Si vous causez avec des savants, dites: Parthénope.
Séville Célèbre
par son barbier. Voir Séville et mourir (voir Naples). «Qui n’a
pas vu Séville», etc. (en espagnol).
Yvetot Voir
Yvetot et mourir!
Similarität und
Kontrastivität wirken hier zusammen. Das scheinbar Besondere, die Einmaligkeit
des Ortes, dokumentiert auch in seinem individuellen Namen, wird durch die
Wiederholung der Erläuterung “Voir [Ortsname] et mourir!” zur Beliebigkeit
abgestuft. Weil der Ortsname als Variable gehandhabt wird, wird die Phrase zum
Stereotyp. Dies wird zusätzlich verstärkt durch den rekursiven Verweis[44]
in Klammern (voir Naples). In gleicher Weise funktionieren die Einträge
für Blondes, Brunes und Négresses mit ihrer
parallelgeführten Definition “plus chaudes que les ...”[45]
und schließlich Rousses mit dem Querververweis
Rousses (Voyez blondes,
brunes, blanches et négresses)
Auch hier ist es
wieder der Querverweis - der bei blanches i.ü. ins Leere führt -,
welcher dem Leser den Widerspruch vor Augen führt und es ihm anheimstellt, ob
er sich - und wenn ja, in welchen - dieser stereotypen “Erkenntnisse” er sich
wiedererkennt. Mit Schwarze (1982:14) kann aus diesem Beispiel für die
Definition des Stereotyps im allgemeinen folgendes abgeleitet werden:
Wir
können mit dieser Unterscheidung zwischen dem Haben und dem bloßen Kennen von
Stereotypen die Tatsache adäquat erfassen, daß in der Sprachgemeinschaft
vorhandene Stereotype widerspruchsvoll sein können, daß auch die vom Einzelnen
nicht akzeptierten Stereotype kommunikativ relevant sein können, und daß der
Einzelne widerspruchsfreie Stereotype haben kann, obwohl das betreffende
Stereotyp in der Sprachgemeinschaft und im Einzelnen (als bekanntes)
widersprüchlich ist.
Schließlich sind
nach Flaubert die
Imbéciles Tous
ceux qui ne pensent pas comme vous.
Mit seinem Dictionnaire
des idées reçues hält Flaubert den Zeitgenossen einen Spiegel vor und
demaskiert die Klischees in ihrer Widersprüchlichkeit. Über ihre Sprache und
Sprachstereotype kritisiert er die Einstellungen der “Gemeinplatzbenutzer”,
d.h. der Gesellschaft seiner Zeit, getreu dem dem Dictionnaire
vorangestellten, zweigeteilten[46]
kontradiktorischen Motto
Vox populi, vox Dei.
Sagesse des nations.
bzw.
Il y
a à parier que toute idée publique, toute convention reçue, est une sottise,
car elle a convenu de plus grand nombre.[47]
Chamfort, Maximes[48]
Anders als im
enzyklopädischen Wörterbuch ist also nicht Expertenwissen sondern die
öffentliche Meinung in ihrer Polyphonie und Widersprüchlichkeit das Prinzip auf
diesem Marktplatz der gesamtgesellschaftlichen und gruppenspezifischen
Repräsentationen von Images.[49]
Diese Mischung ist darauf angelegt, den Leser so zu verunsichern, daß er seine
Einstellungen und Werte überdenkt[50] und
vor allem beginnt, selbst zu denken.
Ergebnisse
Flaubert geht es
offenbar nicht um die (Bedeutungen der) Wörter, sondern um auf Generalisierung
und Reduktion zielende Trivialannahmen über den durch sie repräsentierten und
evozierten Ausschnitt der Welt und der Diskurswelt, also um mit Gülich zu
sprechen, um Denk- und Sprachstereotypen. Die Analyse des Flaubertschen Dictionnaire
hat gezeigt, daß die strikte Trennung zwischen Denk- und Sprachstereotypen, wie
sie Gülich vornimmt, so nicht aufrechtzuerhalten ist. Vielmehr verrät die
Sprache das Denken.
Stereotypisierung
bedeutet damit - aus kognitivistischer Persepktive - Ikonisierung der
Konzeptebene durch explite Versprachlichung. So konnten im Dictionnaire des
idées reçues unterschiedliche, auf den wahrnehmungspsychologischen
Prinzipien Similarität, Kontiguität und Kontrast basierende Verfahren
nachgewiesen werden, wie z.B. prototypische Kollokationen, Verbote, Gebote,
Vergleiche, Allsätze, Axiome und Regeln, iterative Wendungen und kommentarlose
Juxtapositionen.
Indem er sich sowohl
in Nominalphrasen als auch in Satzfragmenten und Sätzen artikuliert, stellt
sich der Stereotyp formal und konzeptuell als komplexeres Konzept dar als der
auf Wortebene operierende Prototyp, der die mentale Repräsentation von
Konzepten und Kategorien darstellt.
Neben dem
Satzcharakter ergibt sich ein zweiter wesentlicher Unterschied zum Prototyp
durch den Urteilscharakter. Stereotypen repräsentieren “Einstellungen”,
“Überzeugungen” oder “Meinungen” und beinhalten daher immer eine
affektiv-emotionale Komponente, eine objektiv meist nicht begründbare Wertung
oder Urteil. Dies heißt jedoch nicht, daß Stereotypen damit automatisch stärker
intensional (im Sinne von ‘an persönliche, subjektive Erfahrung anknüpfend’) und
weniger extensional (im Sinne von ‘objektiv-kollektiv’) seien. Stereotype sind
in Entstehung und Entwicklung historisch und soziokulturell bedingt und
kollektiv verankert. Als Repräsentationen von Einstellungen, als
Versprachlichung von kollektiv-wertenden Bewußtseinsinhalten, die rekurrent
als Beurteilungshilfe, zur Entlastung in persönlichen oder öffentlichen
Konfliktsituationen dienen, erscheinen Stereotypen als vergleichsweise starr,
wenn sie auch, wie das Beispiel Allemands im Dictionnaire beweist,
aufgrund ihrer soziokulturellen Bedingtheit historisch nicht unbedingt
unbegrenzt festgeschrieben sein müssen.
Die dem Stereotyp
inhärente Meta-Information, daß es sich um eine Wertung handelt, ist dominant
gegenüber dem Informationsanteil des versprachlichten Konzepts. Analyse und
Definition des Stereotyps weisen somit über die des linguistischen Konzepts
hinaus.
Anmerkungen
[1]. Vgl. den Titel des gleichnamigen
Ausstellungskatalogs des Musée d’Orsay (Savy, Nicole/Vigne, Georges (1987): Le
siècle des dictionnaires. Paris: Editions de la réunion des musées
nationaux.).
[2]. Dictionnaire de la langue
française (1863-1872).
[3]. Nouveau dictionnaire de la
langue française (1856), Grand dictionnaire universel du XIX siècle
(1865), Dictionnaire complet de la langue française (1878).
[4]. Zum literarischen Genre des glossaire
d’auteur vgl. Thomas (1981).
[5]. Unvollendet beim Tod Flauberts
1880, liegt es in 3 nicht ganz deckungsgleichen Manuskripten der Bibliothek
von Rouen vor (vgl. die Ausgabe von Lea Caminiti, die die drei Manuskripte
hintereinander aufführt, während Claudine Gothot-Mersch auf der Basis von
Manuskript c als Leithandschrift eine kritische Ausgabe vorlegt). Die
Manuskripte sind, wie man aus der Korrespondenz und aus dem Handschriftenvergleich
weiß, ab 1870 in Zusammenarbeit mit Edmond Laporte entstanden (teilweise als
Diktat Flauberts, teilweise als Ergänzung oder Korrektur, teilweise als
eigenständiger Beitrag), der Flaubert zwischen 1865 und 1879 freundschaftlich
verbunden war. (Zur Chronologie und zur Autorschaft vgl. auch
Herschberg-Pierrot 1987).
[6]. Zusammen mit dem Sottisier,
dem Album de la Marquise und dem Catalogue des idées chic, die
allerdings in fragmentarischerer Form vorliegen als das Dictionnaire des
idées reçues.
[7]. Vgl. Correspondance suppl.
IV, S.170.
[8]. Die Zitate folgen der Ausgabe von
Claudine Gothot-Mersch (1979).
[9]. Das Dictionnaire kann also
auch als Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Vorgehensweisen gelesen
werden.
[10]. Flaubert parodiert damit auch die
seit 1870 en vogue gekommenen Dictionnaires de lieux communs,
beispielsweise von Quatrelles 1879, Vivier 1879 oder Rigaud 1881 (vgl. Thomas
1981, Herschberg-Pierrot 1984, 1988).
[11]. Brief an Louise Colet vom 17.
Dezember 1852 (vgl. Correspondance Bd. 13, S. 267).
[12]. Vgl. die Untersuchungen von
Descharmes (1914), Digeon (1953), Bollème (1966), Wellershoff (1969), Bismut
(1971), Thomas (1981), Herschberg-Pierrot (1984, 1987, 1988), Leinen (1990).
[13]. Théorie de l’argumentation, analyse
du discours, sémantique référentielle, sémantique cognitive.
[14]. Das Lexikon stellt sich daher für
Schwarze (1995:211) als “the center of human language” dar.
[15]. Die Untersuchungen Roschs betreffen
Farbkategorien, geometrische Formen, Gesichtsausdrücke und konkrete
Gegenstände.
[16]. Vgl. Schwarze (1995), Koch (1998),
Blank (im Druck b).
[17]. Vgl. die Überblicksdarstellungen
bei Schwarze (1982), Lakoff (1987), Schäffner (1990), Kleiber (1990), Koch
(1998), Blank (im Druck a) u.a..
[18]. Zum Begriff der Familienähnlichkeit
(air de famille), der erstmals in Wittgensteins Philosophischen
Untersuchungen vorkommt, vgl. auch Kleiber (1990), Gsell (im Druck).
[19]. Das Modell ist, im Unterschied zur
strukturellen Semantik, als Kontinuum zu verstehen. Im Gegensatz dazu ist für
die strukturelle Semantik, die die Bedeutungen von Wörtern durch Segmentierung
in minimale Bedeutungskomponenten beschreibt und voneinander abgrenzt, das
Vorhandensein oder Fehlen einzelner segmentierbarer Bedeutungskomponenten
konstitutiv für ein Konzept.
[20]. Vgl. den Überblick bei Schaff
(1979), Schwarze (1982), Schäffner (1990), Blank (im Druck a) u.a.
[21]. Diese feste association läßt
sich z.B. über Stimulus-Response-Tests nachweisen, wie z.B. durch das
semantisches Differential bzw. Polaritätenprofil nach Osgood, das anhand vorgegebener
Adjektive eine Skalierung der konnotativen Bedeutungskomponenten ermöglicht,
oder andere quantitative Verfahren, wie sie zum Erkennen des Prototyps
verwendet werden.
[22]. Da das Konzept des Stereotyps im Gegensatz
zum Prototyp den Aspekt der Wertung beinhaltet (vgl. die folgenden Ansätze).
[23]. Inwieweit sich der holistische
Prototypenansatz mit einem merkmalssemantisch-segmen-tierenden Ansatz
vereinbaren läßt, ist noch immer Gegenstand der Diskussion (dafür plädieren
beispielsweise Schwarze (1982) und Gsell (im Druck)).
[24]. Eingeführt durch Walter Lippmann
(1922; Public Opinion. New York: Macmillan.). Anhaltspunkte für eine in
dieser Hinsicht brauchbare Definition des Stereotyps geben die gängigen
Referenzwörterbücher. So definiert der Trésor de la langue française den
Stereotyp über die an Kleiber u.a. erinnernde “association stable d’éléments
formant une unité devenue indécomposable” hinaus als “idée, opinion toute
faite, acceptée sans réflexion et répétée sans avoir été soumise à un examen
critique, par une personne ou un groupe, qui détermine, à un degré plus ou
moins élevé, ses manières de penser, de sentir et d’agir” (Trésor p.
944). Grand Larousse (pp.5711/5712) und Grand Robert (pp.964/
965) sprechen von “cliché réduisant les singularités”. In dieser Bedeutung von phrases
stéréotypées existierte der Terminus Stereotyp zu Flauberts Zeit bereits im
Grand dictionnaire universel du XIXe siècle von Larousse
(Galatanu/Gouvard 1999:3), wenn auch die gängigen, synonymen Bezeichnungen
dafür poncif, cliché, lieu commun oder, wie im Titel des
Flaubertschen Dictionnaire, idée reçue, lauteten. - Zur
Problematik einer eindeutigen Definition und Abgrenzung von idée reçue, cliché
und lieu commun vgl. auch Quasthoff (1973:21-27), Leinen (1990:5-11).
[25]. Zu den den psychologischen und
soziologischen Theorien des Stereotyps vgl. u.a. Quast-hoff (1973), Schaff
(1979, 1980), von Bassewitz (1990), Leyens/Yzerbyt/Schadron (1994), Thiersch
(1996).
[26]. Dem soziologischen Modell des Stereotyps
trägt beispielsweise Joshua Fishmans Artikel von 1956 Rechnung. Fishman
unterscheidet Theorien, die den Stereotyp inhaltlich, “contrary to fact” als
tatsachenwidrige Information oder als “a kernel of truth”, eine partielle
Wahrheit, betrachten. Andere Theorien betonen nach Fishman insbesondere
“attitudinal rigidity”, also Stabilität bzw. Unveränderlichkeit des Stereotyps
oder seine gruppenbedingte Genese (“group relatedness”). Die soziale Gruppe ist
zum einen Objekt von Stereotypen, zum anderen benutzt sie diese als
Identifikationsmuster nach innen. Schaff (1979) kritisiert zu Recht, daß
Fishmann die Theorien auf diese einzelnen Kriterien reduzierend voneinander
abgrenzt, so z.B. das inhaltliche Kriterium: Nach Schaff (1979:298) beinhalten
Stereotype “immer eine bestimmte Desinformation über die Wirklichkeit, eine
totale oder eine partielle.” Wäre dem nicht so, so wäre der Erkenntniswert
gleich Null. Auch vernachlässige Fishmann nach Schaff darüber andere Kriterien,
wie z.B. die Funktion oder die Emotionalität des Stereotyps.
[27]. Schaff (1980) legt den Akzent noch
stärker auf die Beziehung zwischen Sprache und Stereotyp als ein
Interaktionsverhältnis, in dem der verbale Ausdruck und die Inhalte des
Stereotyps im Bewußtsein in in organischer Verbindung stehen.
[28]. Vgl. auch von Bassewitz (1990:21):
“[Stereotypen] können menschliches Handeln motivieren, selbst oder gerade wenn
sich das Individuum ihrer nicht bewußt ist.”
[29]. Vorgeformtheit als prototypisches
Merkmal des Wortes Stereotyp, das die ursprüngliche Basisbedeutung den
“Druckstereotyp”, mit seinen metonymischen Prägungen verbindet. Vgl. auch die
gemeinsprachliche Verwendung des Wortes Stereotyp, das über die
Adjektive “feststehend”, “unveränderlich”, “wiederkehrend”, “formelhaft”
definiert wird (Duden 21989:1465).
[30]. Im Gegensatz dazu können
Denkstereotype sprachlich vorgeformt sein, aber sie müssen es nicht sein.
[31]. Häufig automatisierte Floskeln, die
als “standardisiertes Alltagswissen” (Gülich 1978: 21) trösten,
Konfliktsituationen entschärfen, den kommunikativen Kontakt herstellen
(phatisch) “damit überhaupt etwas gesagt wird, auch wenn es nichts zu sagen
gibt” (Gülich 1978:17), einen Standpunkt untermauern oder legitimieren.
[32]. Ausnahmen: 3 Adjektive: Fort,
Méphistophélique, Noir und 5 Verben: Fulminer, Fusiller, Penser,
Saigner, Sucrer.
[33]. Syntaktisch auffällig ist hier, wie
auch für viele Einträge, die elliptische Satzform, die auf das Lemma als
Subjekt oder Objekt zurückgreift.
[34]. Vgl. auch die Einträge Actrice,
Amiral, Artistes, Auteur, Avocat, Banquier, Barbier, Berger, Bonne, Boursiers,
Chanteur, Chasseur, Chirurgien, Confiseur, Cordonnier, Député, Diplomatie,
Docteur, Doge, Domestiques, Dompteurs de bêtes féroces, Ébéniste, Étudiant,
Femme de chambre, Fermier, Fonctionnaire, Gendarme, Géomètre, Imprésario,
Ingénieur, Institutrice, Inventeur, Laboureurs, Maestro, Maire, Major,
Ministre, Missionnaires, Musicien, Navigateur, Notaires, Ouvrier, Prêtre,
Tabellion.
[35]. Vgl. auch die Einträge Allemagne,
Amérique, Anglais/Anglaise, Basque, Belge, Bretons, Flamand, Italiens/Italie,
Japon, Marseillais, Normands, Pérou, dazu auch: Étranger.
[36]. Vgl. auch die Einträge Athée,
Buddhisme, Catholicisme, Féodalité, Impérialiste, Jansénisme, Jésuite, Juif,
Machiavélisme, Monarchie, Optimiste, Panthéiste, Pédantisme, Philosophie,
Priapisme, Radicalisme, Républicain, Spiritualisme, Stoïcisme.
[37]. Vgl. auch die Einträge Abélard,
Absalon, Archimède, Beethoven, Danton, Darwin, Démosthène, Diane, Diogène,
Henri iii/iv, Hippocrate, Hippolyte, Homère, Hugo, La Fontaine, Littré, Louis
xvi, Machiavel, Mackintosh, Malthus, Offenbach, Paganini, Phaéton, Philippe
d’Orléans - Égalité, Ponsard, Popilius, Pradon, Ronsard, Rousseau,
Sainte-Beuve, Scudéry, Stuart (Marie), Talleyrand, Voltaire, Wagner.
[38]. Wellershoff (1969:291) bezeichnet
das Dictionnaire als “Enzyklopädie des Geschwätzes.”
[39]. Zur Verwendung der Pronomina on,
nous, vous in indefinit-generalisierender Funktion zur
Desorientierung des Lesers innerhalb der Polyphonie vgl. Herschberg-Pierrot
(1987:116ff.).
[40]. Seit Mme de Staël.
[41]. Auch an der Encyclopédie der
beiden läßt er kein gutes Haar:
Encyclopédie
(l’) Tonner contre. En rire de
pitié, comme étant un ouvrage rococo.
[42]. Vgl. Wittgenstein, Philosophische
Untersuchungen: “Der Gebrauch des Wortes in der Sprache ist seine
Bedeutung.” (Zitiert bei Gsell (im Druck:1)).
[43]. Die Auswahl des normannischen
Provinzortes Yvetot neben den übrigen drei Orten Paris, Neapel und
Sevilla setzt auf Kontrastwirkung.
[44]. Die Verweise machen nach Ansicht
Herschberg-Pierrots (1987:106) das Dictionnaire erst zum Text.
[45]. Blondes Plus chaudes que les brunes
(voyez brunes).
Brunes Plus chaudes que les
blondes (voyez blondes).
Négresses Plus chaudes
que les blanches (voyez brunes et blondes).
[46]. Mit der kontrastierenden
Zweiteilung repräsentiert bereits das Motto eine typische Struktur der Einträge
des Dictionnaire (s.o.).
[47]. “Man kann wetten, daß jede
öffentliche Meinung, jede allgemeine Konvention, eine Dummheit ist, denn sie
ist eine Übereinkunft der Mehrheit.”
[48]. Nicolas de Chamfort (1740-1794):
“Il improvisa dans les salons les éléments de son recueil posthume Maximes,
pensées et anecdotes. Poursuivi sous la Terreur, il se suicida.” (Petit
Larousse 1995 p.1230).
[49]. Es ist nicht verwunderlich, daß
literaturwissenschaftliche Darstellungen das Dictionnaire als Vorläufer
der Bewußtseinsstromliteratur, z.B. Nathalie Sarrautes Les Fruits d’or,
betrachten (vgl. u.a. Wellershoff 1969, Hardt 1970, Leinen 1990).
[50]. Vgl. die Bemerkung über die
erzieherische Intention des Dictionnaire im eingangs zitierten Brief an
Louise Colet von 1852.
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© Uta
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Mai 2000. ISSN 1576-4737. http://www.ucm.es/info/circulo/no2/helfrich.htm
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